Die Nacht konnte für mich nicht schnell genug vorbei gehen. Ich konnte es kaum erwarten. Heute wollte ich auf den 1446 Meter hohen Snaefellsjökull. Nicht sehr hoch, aber wenn man bedenkt, ich gehe bei 0 Meter über Meer los. Der Rucksack ist fertig gepackt. Ersatz Socken, lange Unterhosen, die dicke Wolljacke, Windjacke, Handschuhe, Kappe, Reiseapotheke, Feldstecher, 2 Liter Wasser mit Multivitaminen versüßt, 2 isländische Schokoladen, Toastbrot (2 Scheiben), 1 Packung Guetzli. Ich weiß, es befindet sich zu wenig Essen im Rucksack. Den Gaskocher, die Pfanne und ein fertig Menu wollte ich nicht mitschleppen.
Nebelschwaden hingen noch an den Bergen, aber es sah nach einem super Tag aus. Ideal für mein Vorhaben.
Nach dem Hausberg von Arnastapapi bog die Strasse in Richtung Snaefellsjökull ab. Das Warnschild am Strassenrand stimmte mich ein wenig nachdenklich.
Folgendes stand in verschiedenen Sprachen darauf:
Auf dem Gletscher sind verdeckte Spalten. Eine Besteigung ist deswegen sehr gefährlich. Anfragen machen.
Polizei und Touristen Büro
Mute ich mir zu viel zu? Ich war noch nie auf einem Gletscher. Schon gar nicht ganz alleine. Ich habe keine Steigeisen keinen Eispickel. Werde ich das brauchen, ich weiß es nicht. Zweifel kommen auf.
Aber ich bin jetzt hier, der Berg zieht mich förmlich an. Ich verspreche mir, dass ich umkehren werde, wenn mir die Situation zu unsicher wird. Die ersten 7 Km. bis zum Eisrand bewältige ich mit dem Fahrrad im kleinsten Gang. Aber schon bald brachte mich die Steigung und der grobsteinige Untergrund mit tiefen Schlaglöchern zum stehen. Hätte ich mehr kraft in den Beinen gehabt, es hätte nichts gebracht. Es ging nur noch mit Schieben weiter. Zumindest runter fahren konnte ich, wenn ich auch jetzt am schieben war. Die 7 Km. erschienen mir viel länger. Je höher ich kam umso imposanter wurde die Aussicht. Der Hausberg von Arnastapi lag schon bald unter mir goldig leuchtend im Sonnenschein. Nass geschwitzt erreichte ich den Schneerand vom Snaefellsjökull. Der Nebel hatte sich größtenteils verzogen, und mein Ziel lag vor mir.
Schnee und Eis, 5 Stunden für den Auf- und Abstieg. Bleiben meine Wanderschuhe trocken? Sehe ich die verdeckten Gletscherspalten früh genug? Hält das Wetter?
Die erste Schokolade soll mir die verbrauchte Kraft ersetzten die ich bis hierher mit dem Fahrrad verbraucht habe. Die ersten 650 Höhenmeter habe ich hinter mir.
Meinen Tretesel parke ich neben verlassenen Snowmobilen im Schnee. Die gegenüberliegenden Berge Sandkulur und Geldingafell sind kohlenschwarz und im Kontrast zu dem weißen Schnee wirken sie Furcht erregend.
Es gibt keinen Wegweiser der mir die Richtung für einen Weg zeigt. Keine Pflöcke im Schnee die den Weg markieren. Niemanden den ich nach dem Weg fragen kann. Was mach ich eigentlich hier oben?
Ich setze meine ersten Schritte in den Schnee. Es geht doch! Kein Problem! Wozu Wegweiser, ich habe den Gipfel vor meinen Augen. So lange es im unteren Teil geht, nützte ich schneefreie Stellen um voranzukommen. Spuren von Motorschlitten sind im Schnee, unter ihnen gibt es sicher keine Gletscherspalten und wenn halten die Schneebrücken sicher mein Gewicht. Schritt für Schritt steige ich höher, der Schnee ist hart gefroren und so sinke ich nicht ein. Das Profil der Wanderschuhe hält gut. Langsam fühle ich mich sicher, ich werde den Gipfel erreichen. Ich höre nur den knirschenden Schnee unter meinen Füssen, sonst ist absolute Ruhe. Weit über mir mache ich einen schwarzen Nadelkopfgroßen Punkt aus. Ja, er bewegt sich im Eisfeld, ich bin nicht der einzige Verrückte am Berg. Er kommt vom Gipfel. Sofort tauchen bei mir Fragen auf. Bin ich zu spät daran, um auf den Eispanzer zu steigen? Hätte ich viel früher losgehen sollen, um die Kälte der Nacht auszunützen? Hat die Sonne Einfluss auf das Eis?
Sind Eisbrücken über Gletscherspalten nicht mehr sicher?
Das Vorwärts kommen war ermüdend und Kräfte zerrend. Die Pausen nutzte ich um die grandiose Aussicht zu genießen. Die Südküste der Halbinsel breitete sich unter mir aus. Unbeschreiblich schön. Vor mir die weißen Schneefelder am Horizont der blaue Nordatlantik, dazwischen alle Farben der Natur.
Ein Fuß vor den andern, langsam aber stetig gewinne ich an Höhe. Cirka 800 Höhenmeter muss ich auf dem Gletscher zurücklegen. Besonders steile Stellen gibt es keine. Für den Aufstieg ist die Temperatur gerade richtig. Ich komme nicht ins Schwitzen und Kalt habe ich auch nicht. Die Imprägnierung der Schuhe scheint zu halten, die Socken bleiben jedenfalls trocken. Der Absteigende Bergsteiger ist ein Isländer. Wir tauschen die Fotoapparate und machen gegenseitig Fotos von uns am Berg. Noch etwa eine Stunde und ich werde auf dem Gipfel sein.
Nebel zieht am Gipfel auf. Die Sonne ist nur noch eine milchige Scheibe. Der Wind frischt merklich auf und die gefühlte Temperatur fällt. Trotzdem gehe ich weiter. Unter mir an der Küste ist noch schönster Sonnenschein. Also kann es sich nur um eine Wolke handeln, die sich am Gipfel festhält. Hoffentlich bläst der Wind sie weg.
Ein paar Gletscherspalten versperren mir den Weg. Ich umgehe sie. Im Nebel erscheinen sie mir feindlicher, als sie es im schönen Sonnenlicht getan hätten.
Noch ein paar Höhenmeter und ich war auf dem Gipfel vom Snaefellsjökull.
Im Jahr 1754 war die Erstbesteigung. Heute am 8. Juli 2009 stehe ich Menschenseelen alleine, auf dem Gipfel. Ein wenig stolz war ich schon. Ich war auf dem höchsten Punkt von Westisland. In einem Radius von 150 Km. gab es keinen einzigen Menschen, der so hoch Oben war wie ich.
Was mich antrieb hier rauf zu gehen:
Als ich vor sehr langer Zeit Jules Vernes Buch „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ gelesen hatte, da wusste ich, ich möchte auch einmal da stehen, wo seine Reise begann.
Den Eingang auf dem Gipfel konnte ich leider nicht finden, befanden sich doch etwa 200 Meter Eis unter meinen Füssen.
Ein weiterer Mythos der sich um den Berg hält, ist:
Der Snaefellsjökull soll zu den 7 Orten der Welt gehören, mit der größten Kraftausstrahlung. Was immer das Bedeuten mag? Bei mir hinterließ der Berg jedenfalls einen bleibenden Eindruck und meine Gedanken kehren immer wieder zu ihm zurück.
Eisig war der Wind. Eingenebelt war ich hier Oben. Nichts war mit der Aussicht rund um die Halbinsel. Die West und Nordseite blieb mir verschlossen. Der Nebel verschmolz mit dem Gletscher. In Richtung der Westseite war die Sicht vielleicht 10 Meter weit, danach konnte ich keinen Unterscheid zwischen Boden und der Nebelwolke ausmachen. Jede kleine Licht Veränderung weckte in mir die Hoffnung dass es aufklart. Hinter einer der Spitzen Lavanadeln schützte ich mich vor dem Wind. Mein karges Mittagessen verdrückte ich hier. Den Abstieg versuchte ich so lange wie möglich hinaus zu ziehen, um doch noch die Chance zu bekommen um die gesamte Aussicht zu genießen. Aber die Wolke hielt sich krampfhaft fest. Mit jeder Minute die ich hier Oben auf dem Gipfel verbrachte, kroch langsam die Kälte in meine Schuhe und in die Knochen. Ich musste runter. Das Risiko dass die Südseite auch noch total zugenebelt wird, war mir zu groß. Noch schnell ein Foto mit mir, per Selbstauslöser und ich machte mich auf den Rückweg.
Gehen, konnte man das nicht nennen was ich machte. Es war eher ein Rutschen. Mit Skiern wäre ich schnell wieder unten gewesen. Die absolute Stille wurde durch Motorengedröhn abrupt unterbrochen. Zahlungskräftige Touristen hatten ihren Spaß mit dem Motorschlitten. Dick eingepackt in Daunenjacken und Hosen machten sie die Seitenhänge des Snaefelljökull unsicher.
Um Jules Verne gerecht zu werden, steckte ich meine Nase in jedes Eisloch oder Höhle, wer weiß, vielleicht bin ich es ja, der den Eingang zum Mittelpunkt der Erde findet. Mein Fahrrad fand ich jedenfalls wieder. Mit einer rasanten Fahrt ging’s runter zum Meer und Camping. Der Fahrtwind trug nicht dazu bei, dass ich auftaute. Nach 7 Stunden warf ich die Jeans mit den Steifgefrorenen Hosenstößen in die Zeltecke. Kroch halb unterkühlt in den Schlafsack und schlief für 2 Stunden.
Wahrscheinlich weckte mich der Hunger, ansonsten hätte ich sicher länger geschlafen.
This post was submitted by René.